Interview mit dem Unternehmenscoach Ursula Günster-Schöning

Ein Jahr als Unternehmenscoach – und wichtige Etappenziele erreicht

Frau Günster-Schöning, seit dem 01. November 2007 sind Sie als Unternehmenscoach für die Emsländische Stiftung Beruf und Familie im Emsland tätig. Wie sind ihre Eindrücke und Erfahrungen nach fast einem Jahr in einer Position, die es so vorher im Emsland nicht gab?
Mir ist seit Beginn meiner Tätigkeit wichtig, einen persönlichen Kontakt zu den Unternehmen aufzubauen, die hinter der Emsländischen Stiftung für Beruf und Familie stehen. In zahlreichen Gesprächen ergaben sich konkrete Handlungsfelder und Herausforderungen, die wir gemeinsam ganz gezielt in Angriff genommen haben. Darüber hinaus konnten neue Projekte konzipiert und entwickelt werden, die für viele Unternehmen von Vorteil sind - wie z.B. das Modellprojekt „Tagesbetreuungsstützpunkt“, eine Notfallversorgung durch Tagesmütter, oder das Modellprojekt „Betreute Grundschule“, eine Nachmittagsversorgung an Grundschulen für Grundschulkinder.  Überdies  wollte ich durch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit die Unternehmen offensiv informieren, auf die Stiftung aufmerksam machen und die thematische Vernetzung mit dem Wirtschaftsverband, der Servicestelle Kinderbetreuung beim Landkreis Emsland und vor allem mit den Familienzentren unterstreichen. Rückblickend kann ich zu Recht feststellen, dass dieses Etappenziel erreicht wurde. Darüber hinaus konnten an anderer Stelle noch weitere Vernetzungen geschaffen werden - wie z.B. mit dem Lingener „Bündnis für Familien“, dem „Familienservice Weser Ems“ oder der Initiative „Erfolgsfaktor Beruf und Familie“.

 

Wie sind Sie der neuen Aufgabe begegnet, wie sahen Ihre ersten Schritte aus?
Meine Aufgabe war und ist es, konkrete und individuelle Lösungen für die einzelnen Unternehmen vor Ort zu entwickeln. Diese Maßnahmen sind immer individuell, können aber auch Beispiel für andere Firmen sein und Modellcharakter aufweisen - wie es z.B. beim Modellprojekt des "Integrierten Betriebskindergartens" der Fall ist, der gemeinsam mit der BP Erdölraffinerie Lingen und den drei benachbarten Kindertagesstätten entwickelt wurde. Dieses Kooperationsmodell zählt zu meinen ersten großen Projekten. Wichtig war mir auch seit Beginn eine breite Außendarstellung der Stiftungsaktivitäten, um Arbeitgeber und -nehmer für die heutigen Möglichkeiten zu sensibilisieren - hier nutzen wir sowohl Presse- und Medienarbeit als auch das Internet und das eigene Magazin der Emsländischen Stiftung „Familie & Firma“, damit Einzelbeispiele Schule machen können und neue Perspektiven eröffnen. Übrigens erscheint die zweite Ausgabe, in der wieder erfolgreiche und innovative Projekte vorgestellt werden, voraussichtlich im Spätherbst diesen Jahres.

 

Frau Günster-Schöning, Sie haben in den vergangenen zwölf Monaten zahlreiche Unternehmen besucht und konnten viele neue Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Unternehmen auf den Weg bringen. Wie definieren Sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf  hier im Emsland heute?
Beruf und Familie stellen im Leben eines jeden Menschen das Fundament seiner Selbstverwirklichung dar. Wir haben viele Entlastungsmöglichkeiten umsetzen können - nicht nur in Verbindung mit den Angeboten der  Familienzentren sondern auch durch gezielte kreative Maßnahmen in den Unternehmen. Dennoch gibt es weiterhin viel zu tun, denn oftmals sind es immer noch die kleinen Unpässlichkeiten, die die Balance zwischen Beruf und Familie stören oder gar zum Scheitern bringen. Auch die Pflege älterer Menschen wird in diesem Zusammenhang künftig von wachsender Bedeutung sein, denn in gut 10 Jahren werden laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung in jedem zweiten Haushalt in Deutschland pflegebedürftige Menschen leben.

 

Gewinnt Familienfreundlichkeit in den Unternehmen denn zunehmend an Bedeutung? Oder halten einige  Unternehmen immer noch an alten Zöpfen fest?
Wer Zukunft will, muss auch bereit sein, etwas dafür zu tun. Hinzu kommen wirtschaftliche und finanzielle Gründe, warum sich Familienfreundlichkeit rechnet. Auf der einen Seite stehen betriebwirtschaftliche Faktoren wie beispielsweise Personal(wieder)beschaffungskosten, Wiedereingliederungskosten oder Kosten für Fehlzeiten und Krankenstand. Andererseits verbessern familienfreundliche Angebote die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens, denn sie binden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an das Unternehmen, es entsteht eine Verringerung der Nachbesetzungsfristen und fachliches Know-how bleibt erhalten. Generell führt mehr Familienfreundlichkeit auch zu mehr Motivation und Zufriedenheit in der Belegschaft. Und nicht zuletzt erhöht das verbesserte Arbeitgeberimage die Attraktivität des Unternehmens für neue Leistungsträger. Ich glaube, dass diese Argumente inzwischen durchaus angekommen sind. In meinen Gesprächen mit Geschäftsführern, Firmeninhabern und Personalentwicklern habe ich eine große Bereitschaft zum Umdenken erlebt sowie Mut, Neues zu wagen. Familienfreundlichkeit ist nicht mehr „nice to have“ sondern bei vielen Unternehmen ein entscheidender Vorteil im Wettbewerb um gute Fachkräfte.

 

Sehen Sie hier eine besondere Herausforderung für emsländische Unternehmen?
Absolut. Viele regionale Unternehmen melden schon seit geraumer Zeit einen Fachkräftemangel – vom größeren Unternehmen wie die BP-Erölraffinerie oder die Meyer-Werft bis hin zu mittelständischen Unternehmen wie die Spedition Boll, Air-Systeme Barlage oder den Krankenhäusern in Meppen und Lingen. Jedes Unternehmen ist für die Zukunft auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen und möchte diese natürlich lange an das Unternehmen binden. Wenn wir diese im Emsland nicht finden können, müssen wir Arbeitskräfte von außerhalb mit unseren Standortvorteilen überzeugen - und hier spielen Lebensqualität sowie Kinder- und Familienfreundlichkeit eine wesentliche Rolle. Unternehmen müssen daher ihre familienfreundlichen Bertreuungsangebote und die Rahmenbedingungen im Emsland kommunizieren - wie z.B. die umfangreichen Angebote der Familienzentren, spezielle Vergünstigungen wie die Übernahme der Kindergartengebühren oder im Einzelfall die eigene Betriebskrippe.  

 

Empfinden Sie Ihre Aufgabe somit auch als Hilfe zur Selbsthilfe?
Ja, genau so. Ich komme von außen, schaue auf bestehende Strukturen und Systeme und versuche, den Blick im Unternehmen neu zu schärfen. Die Vernetzung der Unternehmen mit den vorhandenen Möglichkeiten ist das eine Ziel, die Entwicklung passgenauer Maßnahmen das andere. Gerade kleine Betriebe können sich häufig die Konzeption und Umsetzung großer Maßnahmen, wie einen eigenen Betriebskindergarten, nicht leisten - brauchen dieses aber auch gar nicht. Hier setzen wir als Stiftung auf zielgerichtete Verbundprojekte, von denen viele Unternehmen profitieren können.

 

Eine letzte Frage. Was hat Ihnen im vergangenen Jahr - neben erfolgreich umgesetzten Projekten und einem Undenken in punkto Familienfreundlichkeit -  an Ihrer neuen Aufgabe besonders gefallen?
Neben der Bestätigung durch zahlreiche emsländische Unternehmen hat mich besonders gefreut, dass man auch überregional auf unsere Stiftung aufmerksam geworden ist. So waren wir mit einem Schwerpunktthema im Newsletter der Initiative  „Erfolgsfaktor Familie“ des Bundesministeriums für Familie, Frauen und Jugend vertreten und erhielten eine Auszeichnung durch die Sparkassenaktion „Jeden Tag eine gute Idee für ein kinderfreundliches Deutschland“. Ebenso wurden wir mit unserem Modelprojekt „Integrierter Betriebskindergarten“ in das Jahresbuch 2008 der Bürger-Mutstiftung von Dr. Richard von Weizsäcker (www.stiftung-buergermut.de) aufgenommen und als „Ausgewählter Ort 2008“ durch die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

Ich glaube jeder hat inzwischen erkannt, dass eine familienbewusste Personalpolitik den Unternehmenserfolg steigern kann. Gründe für Familienfreundlichkeit gibt es viele. Was wir brauchen sind eine Top-Down-Akzeptanz, Vorbildfunktion und vor allem das Aufgeben klassischer Bewertungsmuster. Eine Frau sollte sich frei entscheiden können, ob sie ein Jahr Elternzeit nimmt oder schon nach 8 Wochen wieder mit der Arbeit beginnt - beides ist legitim und in Ordnung. Damit diese Frauen aber eine wirkliche Wahlmöglichkeit haben, ist ein qualitativ hochwertiges Betreuungsnetz mit vielen kreativen und flexiblen Betreuungsangeboten im aund außerhalb des Betriebes vonnöten. Und genau dafür treten wir an.

Vielen Dank.
Gerne.

 

PRESSESTIMMEN

„Mit Familienfreundlichkeit die Attraktivität als Arbeitgeber steigern“
Verleihung des Gütesiegels für Familienfreundlichkeit an acht... 
700.000 Euro für Familienfreundlichkeit im Emsland
Emsländische Stiftung Beruf und Familie beschließt neue... 
„Die Erziehungskompetenz der Eltern stärken“
Landrat Bröring schlägt der Familienstiftung emsländisches „Bündnis... 

» Weitere Meldungen